Warum der Pfarrer von Freiamt einen Mord beging

Eine Burg, die selbst Einheimischen kaum mehr geläufig ist, ein durch einen Pfarrer begangenen Mord (Auflösung auf den letzten Zeilen), die Ruine eines Klosters und vieles mehr begegnen einem auf einer neuen Planwagen-Tour des Tourismus-Vereins von Freiamt.

(Bilder: Daniel Gerber) Jürgen Schneider (rechts) erläutert die breitgefächerte Vergangenheit von Freiamt.

Gemütlich knattert der knorrige, kräftige Motor des rund 70-Jährigen Deutz-Traktors, während er den Planwagen mit rund zwanzig Personen durch die Bilderbuch-Landschaft und dem von einer Postkarte entstammenden Wetter zieht.

Regelmässig gibt Tour-Leiter Jürgen Schneider dem unermüdlichen Fahrer Tony Dägeler das Zeichen für einen kurzen Halt, um geschichtliche Ereignisse und historische Anekdoten zu erläutern. Davon gibt es im gigantischen Ort Freiamt – das mit 53 Quadratkilometern grösser ist als die nahe liegende Stadt Basel (22,75 km²) und sich flächenmässig nicht vor Strassburg (78,26 km²) oder Freiburg (153,1 km²) verstecken muss – mehr als genug. Die 35 Kilometer lange Strecke führt nicht nur durch die schönsten Wandergebiete von Freiamt, sondern in den dreieinhalb Stunden lässt Jürgen Schneider auch die historischen Stationen des Orts an einem vorbeiziehen.

Ruinen aufgebaut statt ausgegraben
Umgehend entpuppt sich Jürgen Schneider als detaillierter Kenner der breitgefächerten Geschichte von Freiamt. Bei einem Halt analysiert er die Geschehnisse rund um die Burg Keppenbach und berichtet, wie aus einst edlen Verteidigern des Volkes finstere Raubritter wurden und der Rückzugsort später zur Ruine verfiel, die von der Bevölkerung als Steinbruch genutzt wurde. «Von 1970 bis 1982 waren Burgenfreunde aus Freiburg hier. Sie gruben nicht eine Ruine aus, sondern sie bauten diese wieder auf.»

Ort mit nur zwei Kindern
Während der Fahrt erkundigt sich Schneider bei den Fahrgästen, ob an dem Ort, an dem man geboren worden war, noch andere Menschen zur Welt gekommen sind. Die Befragten bejahen alle. «Hier gibt es eine Ortschaft, in welchem nur jemand geboren wurde.» Nämlich in Ottoschwanden-Freiamt. «Der Ort hiess früher Ottoschwanden.» Die Einwohner wehrten sich zunächst gegen eine Fusion. Bei einer Abstimmung wurde ihnen abgerungen, dass der Ort nun ab dem 1. Juli 1971 «Ottoschwanden-Freiamt» heisst. Durch einen weiteren Urnengang wurde daraus schliesslich am 16. August 1972 definitiv Freiamt. «In dieser Zeit dazwischen kamen Zwillingskinder zur Welt, sie sind die einzigen mit Geburtsurkunde ‘Ottoschwanden-Freiamt’.»

Manche der überlieferten Ereignisse hatten deutschlandweite Auswirkungen und einige gar über die Landesgrenze hinaus. So beispielsweise als ein Vertrauter von Martin Luther, Jakob Otter, in der Gegend Unterschlupf fand oder zwei Edelleute aus Keppenbach im Ausland, in der Schweiz, bei der Schlacht von Sempach anno 1386 fielen.

Japaner kommen mit Bussen
Nicht nur verknüpft Schneider die historischen Ereignisse mit den weitreichenden, bundesweiten Zusammenhängen, auch die Gegenwart kommt nicht zu kurz. So bilanziert er die Leistung von sechs Windrädern, zwei Bio-Gasanlagen, vier Kleinkraftwerken und 320 Fotovoltaik-Anlagen. «24 Millionen Kilowattstunden werden produziert, der Eigenverbrauch des Orts liegt bei 11 Millionen. Das höchste Windrad ist 186 Meter hoch und damit höher als der höchste Kirchenturm der Welt in Ulm.» Dieser misst 161,53 Meter. Oder exakt doppelt so hoch wie die Freiheitsstatue in New York, die 93 Meter erreicht; das Windrad kommt auf 186 Meter.

Tour-Zwischenhalt mit Imbiss im malerischen Hügelgebiet von Freiamt.

«Das Interesse ist gross, sogar Japaner kommen mit Bussen, um sich zu informieren. Nach der Fukushima-Katastrophe sind sie an diesen Anlagen interessiert.»

«California Blue»
Zu den Stationen gehört auch das Wellness-Hotel Ludinmühle. Kurze Rückblende zum Vorabend: «California Blue» malt Helmut Zimmermann hinter seinem Keyboard in den schönsten Tönen in den warmen Sommerabend in die einladende Gaststube der Ludinmühle, die sich schmuck in die Landschaft einfügt.

Die ruhige Lage suggeriert, dass die Uhren hier anders gehen: Einen – das Wortspiel sei erlaubt – Ticken langsamer. Im Turmuhrenmuseum des Orts ist eine Uhr zu sehen, die über nur einen Zeiger verfügt, jenen der die Stunden anzeigt. Früher hatte man sich nicht für die Minuten interessiert.

Das reichhaltige Frühstücksbuffet wird nicht mit grossen Statements angekündigt, Taten zählen mehr als Worte: Und diese beginnen bei Passionsfrüchten, Beeren, Ananas und erstrecken sich bis zu Wildsalami. Und Gastgeber Walter Zimmermann geht von Tisch zu Tisch, schüttelt den Gästen kurz die Hand und fragt nach deren Befinden.

Keine heile Welt
Wer hier nun aber eine heile Welt erwartet, wird alsbald eines Besseren belehrt, nicht zuletzt durch Walter Zimmermann selbst. Der örtliche Tourismus-Verein, bei dem er zum Leitungsteam gehört, entwickelte eine Planwagen-Fahrt durch den Ort Freiamt – der Anhänger wird von einem alten Traktor mit einem gutmütigen Dieselmotor gezogen. Unterwegs erfährt man von Jürgen Schneider, Geschichtskenner der Region, mehr über die facettenreiche Vergangenheit der Gegend.

Ein Teil der Calypso-Band untermalt den Zwischenhalt.

Unterwegs so vernehmen die Mitreisenden, dass sich ganz in der Nähe der Ludinmühle ein herzzerreissendes Drama abgespielt hat. Ein Mann hatte sich in eine junge Frau eines Gutshofs verliebt. Doch seine Gefühle wurden nicht erwidert. Noch einmal warb er um seine Angebetete. Aber erneut wurde er von der 24-Jährigen verschmäht. «Da sagte er: ‘Wenn ich dich nicht kriege, kriegt dich auch kein anderer!’ Er erschoss die Frau und dann sich selbst», blickt Schneider weit in die Vergangenheit zurück.

«Que Sera Sera»
Die Fahrt erstreckt sich über 35 Kilometer. Unterwegs begegnet man unter anderem dem Biohof von Hans und Uta Zimmermann, einer der ersten in Freiamt. Die Erzeugnisse werden unter anderem auf dem seit 20 Jahren existierenden Bauernmarkt beim Heimatmuseum angeboten.

Ungefähr auf halbem Wege hält der Traktor, die rund 20 Teilnehmer der rund dreieinhalbstündigen Tour werden unter freiem Himmel von Walter Zimmermann mit einem Imbiss überrascht, inklusive musikalischer Begleitung durch zwei Musiker der «Calypso Band». Die Augen schweifen über die anmutige Hügellandschaft der Region, während die Zeit verfliegt. Als die Besucher den Planwagen wieder besteigen, spielt das Duo dazu passend «Que Sera Sera» von Doris Day.

Einst bittere Armut
Auf der Tour ist auch zu erfahren, dass der Ort in alter Zeit bitterarm war. In einem Hügelgebiet erklärt Jürgen Schneider: «Schuhe waren ein Luxusgut. Kinder mussten sich dieses teilen. Die einen mussten am Vormittag zur Schule, die anderen am Nachmittag. Auf halbem Weg sind sie dich begegnet. Dort erhielten jene die Schuhe, welche in die Schule gingen, die anderen mussten Barfuss nach Hause gehen … auch im Winter.»

Walter Zimmermann gibt einen Einblick in die Geschichte von Freiamt.

2400 Sonnenstunden
Die Tour kommt auch an der Ludinmühle vorbei, der Betrieb blickt auf eine über 300jährige Geschichte. Die Uhren ticken aufgrund der Länge von Minuten und Stunden natürlich nicht anders in Freiamt als anderswo. Aber die Sonne schon: «Es ist der Ort mit den meisten Sonnenstunden Deutschlands, nämlich rund 2400», erklärt Jürgen Schneider. Dies auch, weil das Wandergebiet über dem Nebel liegt. Um diese Einstrahlung entsprechend zu geniessen, laden in der Ludinmühle mehrere Pools – und am Abend nicht selten die Stimme von Helmut Zimmermann.

Warum der Pfarrer mordete
Bei einem guten Krimi ist auf der letzten Seite zu erfahren, wer der Mörder war (Romane machen ganz offenbar den ehrenwerten Gärtnersberuf zunichte). In diesem Fall ist bereits im Titel erwähnt, dass es der Pfarrer von Freiamt war. Bleibt nur noch das Tatmotiv. Freilich wäre es schade, dies an dieser Stelle zu enthüllen. Die Auflösung gibt es bei den nächsten Ausgaben der Erlebnis-Rundfahrt, jeweils am Freitag, 5. Juli, 2, August und 6. September 2019. Hinweise zum Pfarrer-Mord sowie Buchungen für die Fahrt unter Telefon +49 76 45 91 03-0.

Daniel Gerber

anklicken: www.ludinmuehle.de

Kontakt

Hotel Ludinmühle
Brettental 31
79348 Freiamt, Deutschland

Telefon: +49-7645-9119-0
Telefax: +49-7645-9119-99
E-Mail: info@ludinmuehle.de

Shuttleservice ab Bahnhof
Freiburg oder Emmendingen
auf Anfrage

Kontakt Tourismus Freiamt
Telefon: +49-7645 9103-0
info@freiamt.de
www.freiamt.de

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